Es wird Veränderungen geben

Banken unter Druck: Interview mit Peter Kaufmann von der Volksbank Bigge-Lenne

Lennestadt, 13. Dezember 2015. Für die Banken neigt sich erneut ein wirtschaftlich schwieriges Jahr dem Ende entgegen. Im exklusiven Interview mit dem SAUERLANDKURIER zieht Peter Kaufmann, Vorstandssprecher der Volksbank Bigge-Lenne, eine Bilanz. Die andauernde Niedrigzins-Phase und ein von der EU getriebener Regulierungswahn sorgen dafür, dass sich Kunden und Mitarbeiter dauerhaft auf Veränderungen einstellen müssen.

Volksbank-Vorstandssprecher Peter Kaufmann und Frank Segref (Leiter Marketing) im Gespräch mit KURIER-Chefredakteur Tim Plachner (v.l.). Foto: Michael Sauer, Sauerlandkurier

Kostenfaktor Bargeldversorgung

SK: Herr Kaufmann, beginnen wir doch mit einem ganz einfachen Beispiel. Wie ist es zu erklären, dass Privatleute und Einzelhändler bei einigen Banken Gebühren dafür zahlen müssen, Münzrollen eintauschen zu lassen?

Kaufmann: Hintergrund dazu ist eine EU-Regelung, die uns vorschreibt, Münzen auf Echtheit zu prüfen. Dafür braucht es natürlich auch Maschinen mit Sicherheitszertifikaten. Unsere Mitarbeiter müssen wir entsprechend schulen. Außerdem können wir Münzen nur noch in so genannten Normcontainern bei der Bundesbank bestellen. Bedeutet konkret: Wenn wir alle acht Münzsorten bestellen, bekommen wir fünf Tonnen Hartgeld im Wert von 314.000 Euro geliefert. Die Bargeldversorgung wird zu einem echten Kostenfaktor. Sie kostet uns jährlich rund 1,6 Mio. Euro. Dennoch verlangen wir aktuell keine Gebühren für Münzrollen. Mal sehen, wie lange wir das durchhalten können.

SK: Was bekommen Sie sonst noch so aufdiktiert?

Kaufmann: Die Liste ist lang: Stresstests, Risikoanmeldungen, Budgetierungen und so weiter. „Basel I“, die erste Vorschrift zur Bankenregulierung, hatte genau 60 Seiten. Bei „Basel II“ waren es 350. Jetzt, bei „Basel III“, sind es 6400 Seiten – auf Englisch. Alleine bei uns sind fünf Mitarbeiter zu zwei Dritteln ihrer Arbeitszeit nur mit Regulatorik beschäftigt.

SK: Vor allem aber bricht aufgrund der Niedrigzinsen das Kerngeschäft der Banken weg. Einige Institute nehmen bereits Negativzinsen für Guthaben. Können Sie das für die
Volksbank Bigge-Lenne ausschließen?

Kaufmann: Für die nahe Zukunft bei nicht großen Summen – ja. Wir stemmen uns dagegen. Aber ich kann keinen Eid darauf schwören.

SK: Wie wird sich die Bankenlandschaft verändern und was für Auswirkungen wird das für
Ihre Kunden haben?

Kaufmann: Service muss neu definiert werden. Das klassische Schaltergeschäft wird immer weniger nachgefragt. Stattdessen brauchen Kunden eine umfassendere Beratung, gerade bei der Geldanlage. Fast alles wird digitalisiert. Wir haben täglich rund 4500 Zugriffe auf unsere Homepage. Ein Großteil der Besucher nutzt auch das Online-Banking. Außerdem haben wir ein telefonisches Service-Center eingerichtet, in dem bis zu 1600 Anrufe täglich abgewickelt werden. Geplant ist, einen Bringservice für Bargeld einzurichten.

SK: Das heißt konkret, dass Sie Filialen schließen werden?

Kaufmann: Wir haben bereits in den letzten zwei Jahren in Teilen unseres Geschäftsgebiets
Filialen restrukturiert. Wir werden auch das Filialnetz in den Bereichen Grevenbrück und Finnentrop in Zukunft „umbauen müssen“, da sich das Kundenverhalten auch hier stark verändert hat.

Alptraum Kündigungen

Qualifizierte Beratungsleistungen werden nachgefragt, weniger das Schaltergeschäft. Das wird Auswirkungen auf die Öffnungszeiten haben. Aber bevor es eine Entscheidung geben wird, werden wir das mit den Vertretern unserer Mitglieder vor Ort besprechen und sie  einbinden. Auch unsere 55 Geldautomaten sind in der Fläche dauerhaft nicht haltbar. Wir sind ein Unternehmen, eine Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaft und keine folkloristische Veranstaltung.

SK: Damit dürfte ein Personalabbau einhergehen.

Kaufmann: In den kommenden fünf Jahren werden altersmäßig rund 35 Mitarbeiter ausscheiden. Diese Stellen werden wir zum Großteil nicht neu besetzen können.

SK: Betriebsbedingte Kündigungen schließen Sie aber nicht aus?

Kaufmann: Das wäre für mich persönlich ein Alptraum. Wir werden versuchen, das zu vermeiden.

SK: Gesellschaftspolitisch spielt die Flüchtlingsdebatte in diesem Jahr eine übergeordnete Rolle. Was bedeutet der Zustrom an Menschenfür Ihr Institut?

Kaufmann: Grundsätzlich sehen wir darin eine Chance, vor allem aus wirtschaftlicher Sicht. Wenn es gelingt, die Geflüchteten in unsere Gesellschaft zu integrieren, dann werden wir davon langfristig profitieren. Wir begrüßen, dass Flüchtlinge ein Anrecht auf ein Girokonto haben. Es wäre unwürdig, diesen Menschen keinen Zugang zu einem Konto zu ermöglichen. Uns stellt das natürlich vor allem sprachlich vor Herausforderungen, auch wenn der große Ansturm bislang ausgeblieben ist.

SK: Herr Kaufmann, wir bedanken uns für das Gespräch!

Mit Peter Kaufmann sprach SAUERLANDKURIER-Chefredakteur Tim Plachner.

Quelle: SauerlandKurier, 13.12.2015, Tim Plachner